Deutschland

Datum: Dienstag, 28. April 2020, Position: Schwabenland, die Zweite, Stimmung: Gut!

Rückholaktion unserer Landsleute


Ihr Schönen, Lieben und Guten!


So hieß es im Betreff der fast täglichen Rundmail des deutschen Botschafters in Südafrika. Rührende Worte der Aufmunterung und des Geduld habens an uns verlorene Seelen fern der Heimat. Als die Rückholaktion dann begann, war sie mit einem logistischen Aufwand verbunden. Tägliches Eintragen in Listen. Zum Schluss sollten wir unsere Reservierung auf den ersten Flug ausdrucken und zurücksenden. Zum Glück hatte Joe einen Drucker, der uns am Ende der Prozedur unsere Teilnahme am Flug in den Händen halten ließ. Das war geschafft und ging am Ende schneller als uns lieb war.


Des Freitags ging es dann gegen Mittag los. Ein letztes Mal Hilux fahren. Eli begleitete uns zum Stadion in Kapstadt, in dem wir uns sammeln sollten, um in Bussen mit Polizeieskorte zurück zum Flughafen gefahren zu werden. Wir fuhren durch eine Geisterstadt. Fast niemand war in der Innenstadt zu sehen. Nur Offizielle. Als wir selbst schon eine Stunde zu früh beim Stadion ankamen, waren bereits eine Menge deutscher Urlauber und wir vermuteten deutsche Aupairs da und verbreiteten deutsche Geschäftigkeit. Mehr die Urlauber als die Aupairs wohlgemerkt. Die Angehörigen des deutschen Konsulats behielten angesichts der aufgescheuchten deutschen Hühner die Contenance. An dieser Stelle möchte ich den Konsulatsangestellten meinen aufrichtigen Respekt aussprechen.


Als die südafrikanischen Behörden dann den Zutritt zu einem Wartebereich mit Gesundheitscheck erlaubten, stürmte der gesamte Pulk auf einmal los. Wir eierten hinterher und verschwanden in der Menge auf einer abschüssigen Rampe, die es dem Toshi noch schwerer machte als es eh schon war. Oh Mann, dachten wir bei uns. Immer wieder mussten wir stoppen, da entweder einer unserer 5 Packtaschen oder der Touratechsack von meinem Schoß abgängig waren oder dem Toshi irgendein Gepäckstück von der Schulter rutschte. Wie in einer Slapsticknummer. Was in Südamerika an Bushaltestellen funktioniert, nämlich in einer Schlage stehen, vermögen Deutsche nicht hinzubekommen. Alles drängelte und schubste von hinten oder der Seite. Und bedenkt: Ich sah ja gerade so über mein Gepäck hinweg und nach vorne nur Hinterteile. Irgendwann erbarmte sich ein Offizieller, zog uns raus und ließ uns hinter einem Golfkarren hergehen bis wir uns an einem Hindernis ausweisen mussten. Aber selbst da versuchte sich ein Landsmann vorzudrängeln, indem er “unauffällig” seinen Koffer mit dem Fuß zwischen mir und dem Golfwagen zu schieben versuchte. Nicht mit Toshi, der ihm zu verstehen gab, das er es wohl nicht eiliger hätte als wir. Gehen Sie nur vor. Ich wollte mich nicht vordrängeln, sprach es. 


Toshi war in der Liste nicht zu finden. Schock schwere Not. Meine Bepackung ließ einen Mitarbeiter des Konsulats auf mich aufmerksam werden. Am Ende fand sich Toshi selbst in der Liste. Die Dame am Checkpoint konnte nicht so gut lesen. Ab zum Gesundheitscheck. Fieber messen aus 30cm Entfernung. Ich hatte 35,5° und Toshi 36° bei einer Außentemperatur von 35°. Untertemperatur. Wir durften weiter. Nun hieß es bis zum Transport warten in einer Halle, in der der Mindestabstand nicht eingehalten werden konnte. Versorgt mit einem Lunchpaket und Wasser harrten wir der Dinge, die da kommen sollten. Als es losging, wurde zur Ordnung ermahnt. Erst die mit Rollstühlen, Gebrechliche, Alte und Familien mit kleinen Kindern hallte es durch den Raum. Alle kämen mit. Trotzdessen gab es Menschen, die nicht verstanden hatten, was alt und Rollstuhl bedeutet. Per Eskorte wurden wir zum Flughafen geleitet, der extra für uns in Teilen wieder hochgefahren wurde. Geisterflughafen. Mit den Tickets bemannt, den Securitycheck hinter uns, sollten noch 5 Stunden zu verbringen sein bis zum Abflug um 22h. Alle 15 Minuten kam die Durchsage, das wir auf unser Gepäck aufpassen sollen. Wenn man den Flughafen hochfährt, gehört die Durchsage zum Standard. Die Geschäfte, Bars und Restaurants geschlossen. Auf den Tischen standen noch halbvolle Drinks und Teller, umgefallene Coladosen oder Abfall. Als hätten sich die dazugehörigen Menschen in Sekundenschnelle in Luft aufgelöst. Gruseliger geht es nicht. Auch auf den Landebahnen war kein einziges Passagierflugzeug zu sehen. Der Luftraum war vereinsamt. 


Als dann die Besatzung aufmarschierte, begann sich tosender Beifall breit zu machen. Ich gestehe, das auch ich gerührt war, das diese Besatzung für uns ihr Leben auf’s Spiel zu setzen gewillt war. Noch orgastischer wurde es als das Kockpit durch die Glastür in Richtung Flugzeug verschwand. Die sonst eher streng dreinblickenden, förmlichen und eher zurückhaltenden Angestellten der Airline am Gate waren heiterer ausgelassener Stimmung. Es wurde gelacht, geneckt und gewitzelt. Als hätten sie ein Piccolöchen geöffnet.


Das boarden bot eine Überraschung. Empfangen wurden wir in weißer Schutzbekleidung von Kopf bis unter die Schuhsohlen. Die Hände in Handschuhen, das Gesicht mit Maske und Plastesichtfenster vor den Augen. “Wir sind keine Aliens”, wurden wir an Bord begrüsst. Was müssen die in den nächsten 12 Stunden durchmachen, dachte ich so bei mir. Wenn sie das Zeug ausziehen dürfen, sind sie ganzkörperverschrumpelt. Wie, wenn man zu lange in der Badewanne lag. Wir bekamen sogar noch ein Abendessen und ein Frühstück. Aber keinen Alkohol, der sei seit dem lockdown in Südafrika verboten. Da hamse aber geguckt die Deutschen.


Geguckt hamse dann auch bei der “ungerechten” Sitzverteilung. Es gab keinen Zweiklassenflug. So saßen Menschen in Economy, die gewöhnt waren in Business zu fliegen. “Tja, kriegen eben nur die, die besseren Plätze, die den Botschafter kennen”, maulte es von links. “Wo soll ich nur mit meinen Beinen hin” oder “So fett bin ich doch gar nicht. Passt du denn überhaupt in deinen Sitz, Schatz?” (Schmeichelhaft) und schickte ihren Mann los, um zu fragen, ob in Business noch etwas frei sei. Dieser kam zurück, fragte seine Frau, ob sie mit dem Gepäck klarkomme, nahm die Zeitung und verschwand wieder nach vorne. Am nächsten Morgen fand er eine extrem mies gelaunte Ehefrau an. Wäre sie doch selbst gegangen.


In Frankfurt angekommen, durften wir den Flieger aus Gesundheitsgründen nur in dreißiger Gruppen, was spätestens am Gepäckband obsolet war. Rotzte doch alles ohne Schutzmasken ungehindert herum. Auf deutschem Boden galt kein lockdown, keine Maskenpflicht und kein Mindestabstand. Ich ließ mich einen Kilometer vom Gepäckband entfernt parken. Diese Situation machte mir, in Deutschland angekommen, die meiste Angst. Die, die COVID-19 völlig verneinten und sich um nichts zu scheren schienen. Das wäre der Grund gewesen, in Südafrika zu bleiben. 

Im Aufzug fragte uns eine ältere Dame, ob wir es weit hätten, was wir verneinten. Sie und ihr Mann müssten noch nach München, ließ sie uns wissen. Aber was das Wichtigste, und ließ einen tiefen Seufzer fahren, sei doch, endlich wieder deutschen Boden unter den Füßen zu haben. Als hätte man uns in letzter Sekunde wie in einem Film über den Vietnamkrieg aus einem Kriegsgebiet geholt. Hä, was geht?


Wir hatten einen Kleinwagen bei einem Mietwagenservice bestellt und bekamen für dasselbe Geld einen schwarzen Audi Quattro oder so. Ein Schiff mit Bordcomputer und Selbstfahrtechnik. Wie allerdings der Beifahrerersitz zu verstellen ging, verblieb uns ein Rätsel. Ich wünschte mir den Hilux her. Die Fahrt vorbei an unserer alten Heimat Heidelberg war befremdlich. Wie eine Beobachterin kam ich mir vor. Ich fühlte mich merkwürdig abgeschnitten von dieser Welt hier. Niedlich war der Eindruck und ziemlich dicht besiedelt. Die Autobahngaststätten wegen Covid-19 geschlossen. Auch irgendwie komisch.


Als wir im Schwabenländle am Haus der Eltern ankamen, hing ein überdimensionales Plakat mit “Herzlich willkommen” in drei Sprachen am Balkon. Auch die große Schwester mit einer ihrer Töchter war noch da und es gab Kaffee und Kuchen. Unser Zimmerlein war hübsch hergerichtet, die Schlafcouch bezogen und Blümchen standen auf dem Tisch. Der Bruder von Toshi mit seinem Sohn hatten mittels Playmobil, Ästchen und Moos einen Zeltplatz mit Motorrad, Feuerstelle und einer im Zelt ruhenden Heike nachgestellt. So rührend!


Die nächsten Tage vergingen erstmal mit nicht viel. Zum Glück schien die Sonne. Die Vögel zwitscherten, die ich gefühlt das erste Mal in meinem Leben in Deutschland in ihrer Schönheit so richtig wahrnahm. Entfremdet beschreibt mein Gefühl gut. Wie gewöhnlich chateten und whatsappten wir mit unseren Freunden in Afrika und in der neuen Welt. Sie waren mir einfach näher. Reisefreunde, die auch zurück gekehrt waren, teilten meine Sehnsucht und Verlorenheit. Unsere zweiwöchige Selbstisolation ließ wenig Ablenkung zu. 

Ostern kam die Familie von Toshi noch einmal zusammen. Nach Elsa’s Tod mussten Angelegenheiten besprochen werden, aber auch zusammen getrauert und gelacht werden. Eine Nichte von Toshi wünschte sich einen Bildervortrag über Mexiko, den wir dann in 4 Stunden zusammen zauberten. Die Bilder zu sehen war schmerzhaft. Aber auch soooo unendlich schön. Unfassbar, das wir das da auf den Bildern waren und all das erfahren durften. Sehnsucht pur und deluxe.


So für heute ist jetzt gut. Der Schreibanfang ist getan. Es folgen noch die letzten drei Wochen und irgendwie auch eine lustige Begebenheit.


Bleibt gesund!


Wir vermissen euch! Toshi und Heike









Datum: Donnerstag, 9. April 2020, Position: Schwabenland, Stimmung: Ging schon besser!

Uiuiuih

Ihr Lieben, Guten und Schönen!

Wir möchten euch erstmal nur kurz davon unterrichten, das wir seid letzten Samstag mit dem ersten Flieger aus Südafrika “heimgeholt” wurden. Dazu gibt es ja eigentlich auch noch eine schöne Geschichte zu erzählen. Doch im Moment steht uns nicht der Sinn danach. Ich hole das sicher nach.

Also: Wir sind soweit gesund. Außer dem Abschiedsschmerz von soooooo Vielem. Jetzt geht es vornehmlich darum, sich zu orientieren, Wege zu finden und wieder anzukommen. 

Wir sind in Selbstquarantäne und werden von Toshi’s Familie rührend umsorgt und mit allem Notwendigen versorgt. Zum Glück scheint die Sonne, die uns im Garten erwärmt. Abends sorgt ein Kaminfeuer in unserer 15qm großen Bleibe für Behaglichkeit. Also soweit: Alles gut!

Ich werde sicher bald Zeit finden, mehr zu schreiben. Und Danke Ralph für deinen Rüffel. Wir hätten ja schon längst mal bloggen können, das es uns gut geht.

Bis bald! Bleibt gesund!

Toshi und Heike

awillandaway.de

Reisen mit Motorrad und Rollstuhl, wie geht das? Wir probieren es aus und berichten.

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